Mitsegeln auf Windjammer

eines der letzten Abenteuer unserer Zeit

Stammcrew sein auf einem Windjammer ist wie wennse fliechst...


Wer kennt noch diesen abgewandelten Spruch auf alten Opel-Manta-Fahrzeugen? "Opel fahrn ist, wie wennse fliechst!" stand hinten drauf, während vorne unter dem Rückspiegel der Fuchsschwanz baumelte. Einen Fuchsschwanz brauchen wir nicht, wohl eher ein Takelmesser für Seemannschaft, einen Klettergurt für das Rigg und die unbedingte Lust auf Abenteuer, wie sie die Seefahrer hunderte von Jahren vor uns erlebten.

Eine Seefahrt mit einem Traditionssegler, wie der Windjammer Roald Amundsen auch genannt wird, weckt Sehnsüchte nach früheren unbeschwerten Zeiten, als man die damals noch handy- und fernsehfreie Welt entdecken konnte. Der Wind blies durch die Segel und die Besatzung konnte sich entspannen, das Meer genießen, schöne Seemannsknoten knüpfen oder die Segel nähen. Heute wird dazu noch traditionelle Seemannschaft gelehrt und mit jedem Häkchen im Ausbildungsheft kommt man seinem Ziel näher: Stammbesatzung der Roald Amundsen zu werden und Teil sein, einer Crew, die das Schiff bei jedem Wetter und in jeder Situation sicher beherrscht.
 
Wer einmal eine Reise auf einem Windjammer gemacht hat, hat ein hohes, aber gern genommenes Infektionsrisiko, immer wiederkehren zu wollen. Kaum jemand, der jemals an Bord eines schönen Traditionsseglers wie die Brigg "Roald Amundsen" mitfuhr, kann sich dem Geruch von frischem Seewind, Abenteuer, Hüsing und Labsal lange entziehen. Und es sind beileibe nicht nur Männer, die mitfahren, sondern regelmäßig auch etwa die Hälfte weiblichen Geschlechts.

Vom Trainee zum Kapitän - wer einmal Seeluft auf einem Traditionssegler wie die Roald Amundsen geschnuppert hat, kommt
selten wieder davon los. Es gibt wenig andere Möglichkeiten, einen supertollen und gleichzeitig preiswerten Urlaub wie den auf diesem Windjammer zu machen. Und wer ambitioniert ist und einmal Kapitän auf diesem Schiff werden will, der hat durchaus die Möglichkeit dazu.

Die Reise von Ponta Delgada auf den Azoren, mitten im Atlantik, nach Lissabon (Portugal, Bild rechts) vom 15.2 bis 1.3.2012 sollte "eigentlich" meine erste Reise werden - und sie wurde tatsächlich meine 9. . Gereizt hatte mich diese Fahrt, weil ich als junger Marinesoldat vor den Azoren auf dem "Zerstörer Lütjens" 1984 vor Anker lag, wir aber wegen eines Schadens am Schiff nicht an Land durften. So hatte ich mir immer zum Ziel gesetzt, diesen Ort später in meinem Leben einmal zu besuchen. Und als mir ein Freund im Januar 2011, also ein Jahr vorher, von dieser Reise erzählte, war ich fest entschlossen, daran teilzunehmen. Kurze Zeit später, es war etwa im Februar 2011, rief er mich an und bot mir einen letzten Platz auf einem Ausbildungstörn an, der üblicherweise nur von Crewmitgliedern besetzt ist.
 
Weil ich aber mein Leben lang in der christlichen Seefahrt zu Hause war, blieb mir eine weitere seemännische Ausbildung erspart und ich konnte gleich mit der Segelausbildung beginnen. Ausbildungstörns werden von den Stammcrewmitgliedern durchlaufen, um das Segelschiff immer und in jeder Situation richtig bedienen zu können.
Das Deck ist dann voller Bilder, die die Segelmanöver erklären. Während dieser eine Woche dauernden Törns werden alle möglichen Segelmanöver gefahren, um die Stammcrew ohne die sonst übliche Rücksicht auf Trainees mit dem Schiff vertraut und fit für alle Situationen zu machen. "Mensch über Bord"-Manöver auf Zeit, Brandbekämpfung mit Atemgerät, Wenden, Halsen und das Brigg-Segel setzen gehören zur 24-Stunden 
Bordroutine.

Das Bordleben ist in drei Wachen aufgeteilt, wie es in der traditionellen Windjammerfahrt so üblich war - und die Brigg "Roald Amundsen" ist nun mal ein Traditionssegler, der allerdings mit jeder Menge modernen Navigationsgedöns ausgestattet ist. Nur so ist es möglich, dass dieses Schiff in der Ostsee ebenso zu Hause ist, wie im Englischen Kanal, im Golf von Biscaya, auf dem Atlantik, in der Karibik und auf den Großen Seen in Kanada. Von den vielen Törns, die ich je gefahren bin, war der Überführungstorn von Oostende (Belgien) nach Lissabon (Portugal) der spektakulärste. Jeder, der auf diesem Schiff einmal Toppsgast werden möchte, ist angehalten, auch Schwerwetter-Erfahrungen zu sammeln. Und wo kann man diese besser sammeln als bei den Herbststürmen in einer der rauhesten Seegebiete der Welt: Dem Golf von Biscaya. Noch immer bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an die 10 Windstärken denke, deren Wellen das Schiff ebenso rund 10 Meter rauf und runter gehoben hat und wir drei Tage lang keine ruhige Minute hatten. Zuerst mussten wir im französischen Brest drei Tage darauf warten, dass wir überhaupt loskamen, so schwer tobten die Stürme über dem Atlantik. Doch der Windjammer wäre nicht ein solcher geworden, wenn es dieses typische Geräusch nicht gäbe, wenn der Sturm durch die Takelage pfeift, an den Tauen zieht und sie unbedingt ins Meer spülen möchte. Überall ächzt und stöhnt das Schiff, bäumt sich auf, um mit Wucht auf das Meer zu klatschen. Nicht eine Sekunde habe ich darüber nachgedacht, ob die Roald diese Tortur aushalten würde, denn ich wusste, dass sie noch viel mehr abkann, wie sie es in einem Orkan in der Irischen See schon einmal bewiesen hat. Und wir wurden ja in Lissabon erwartet, damit wir unseren Flieger nach Hause und die nächste Crew für den Folgetörn aufsteigen konnte.

Eine Reise auf einem Windjammer ist unvergleichlich schön und auf einem traditionellen Segelschiff, einem Traditionssegler, nicht nur mit zu fahren, sondern auch noch selbst aktiv dabei zu sein, ist eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. In meiner Jugend wollte ich unbedingt auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" fahren, doch es blieb mir versagt. Und so war ich natürlich Feuer und Flamme, stattdessen auf dem Traditionssegler "Roald Amundsen" eine seemännische Heimat gefunden zu haben. Mittlerweile bin ich Toppsgast geworden, ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten Ausbildungstörn in der westlichen Ostsee. Jetzt steuere ich dem 20. Törn innerhalb von drei Jahren zu und bereite mich gerade auf meine nächste Fahrt vor. Sie führt vom Travemünde nach Göteborg und zurück nach Eckernförde, dem Heimathafen der Roald Amundsen. In meiner Funktion als Toppsgast bin ich in meiner Wache dafür zuständig, dass es allen so viel Spaß und Freude wie möglich macht. Ein Toppsgast führt innerhalb der Wache die Anweisungen des Steuermanns oder Kapitäns selbstständig aus und setzt die Mitglieder der jeweiligen Wache dort ein, wo sie am besten geeignet sind. Er bildet die Mitglieder seiner Wache auch aus und stützt sich dabei auf so genannte "Deckshands", was so etwas sind, wie Matrosen auf einem Handelsschiff. Sie sind gut ausgebildet, kennen das Schiff und die Besonderheiten der Seemannschaft und sind auf ihren Stationen wichtige Unterstützer des Toppsgasten. Schon nach wenigen Tagen ist man zu einem richtigen Team zusammengewachsen und hat ein schönes "WIR"-Gefühl entwickelt. "WIR" übernehmen das Schiff von der Vorwache, "WIR" fahren das Schiff während unserer Wache, "WIR" setzen die Segel und bergen sie wieder und "WIR" übergeben ein möglichst weit an Stecke gesegeltes Schiff an die nächste Wache. Und das zweimal am Tag, denn die Wachen fahren von 00:00 - 04:00 Uhr (Wache I, "Hundewache") , von 04:00 - 08:00 Uhr (Wache II)  und 08:00 - 12:00 Uhr (Wache III, "Kapitänswache") und dann ist Wache I wieder dran. Während dieser Zeit hat die gesamte Wache dem Steuermann für Segelmanöver zur Verfügung zu stehen. Der Toppsgast sorgt dafür, dass der Ausguck besetzt ist und der Rudergänger das Schiff lenkt. Es wird auch immer Reinschiff gemacht, also wachweise das Deck geschrubbt, das Messing geputzt, die Duschen und Toiletten geewinigt (kurz: "Keramik") und die Gänge unter Deck sowie die Niedergänge gefegt und gewischt. Außerdem ist aus jeder Wache abwechselnd immer jemand für die Kombüse (also die "Bordküche") abgestellt, der dann aber während dieser Zeit (meist ein halber Tag) an den Segelmanövern nicht teilnimmt.

Nur in Häfen oder zu Anker ist es etwas anders, denn dann braucht man nur wenige Crewmitglieder für die obligatorische Hafenwache und die Ankerwache. Der Rest der Wache kann schlafen und es bleiben immer nur zwei Leute für meist zwei Stunden wach und sorgen dafür, dass die anderen Kameraden in ihren Kojen ruhig schlafen können. Und damit keine Leichtmatrosen eine große Verantwortung tragen müssen, ist immer ein Mitglied der Stammcrew dabei, das weiß, was gerade gemacht werden muss.

Du möchtest auch Stammcrew-Mitglied werden? Also, zuerst einmal sind wir alle "per Du" - vom Käpt'n bis zum jüngsten Trainee. Daher sage ich Dir auch, wie es geht: Du fährst einige Törns als Trainee (2 Törns oder 12 Tage an Bord reichen meist aus) und bewirbst Dich dann im Schiffsbüro der Roald Amundsen als Stammcrew. Dort wird dann darüber entschieden, ob wir Dich aufnehmen können, was meist der Fall ist, denn wir brauchen ja immer genügend Stammcrew-Leute, um alle Törns fachgerecht bedienen zu können. Und dann wirst Du irgendwann Deckshand-Anwärter, Deckshand und auf Wunsch und bei Eignung auch Toppsgast, Steuermann oder gar Kapitän. Jawohl, viele unserer Kapitäne sind in ihrem Hauptberuf alles andere als Nautiker. Viele haben sich von ihrem ersten Törn an darauf vorbereitet, irgendwann auf der Roald Amundsen einmal Kapitän zu werden. Ich fahre noch einige Jahre als Toppsgast, um das Schiff und seine Eigenheiten noch besser kennenlernen zu können. Und irgendwann in 2014 mache ich den Sportseeschifferschein mit der Zusatzausbildung "Traditionsschiffer", die Voraussetzung sind, um auf der Roald Amundsen als Steuermann fahren zu dürfen.

News & Aktuelles

Der erweiterte Törnplan für die Brigg "Roald Amundsen" ist jetzt veröffentlicht. Erwartungsgemäß geht es in die Karibik und verspricht wunderschöne Ziele.

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Törnberichte

Ich bin Thommes und bin von April 2011 bis Mai 2012 insgesamt 11 mal auf der Roald Amundsen gefahren, so begeistert bin ich von diesem Schiff. Mein längster Törn war der von Oostende (Belgien) nach Lissabon (Portugal) 5.11. Thomas Kochbis 22.11.2011also fast 3 Wochen. Dabei fuhren wir durch den Englischen Kanal, durch den Golf von Biscaya und auf dem Atlantik, bis wir pünktlich Lissabon erreichten. Während dieser Zeit besuchten wir Städte wie Brest, La Coruna, Kap Fenisterre („Cabo Finisterre“) oder  Cascais vor den Toren Lissabons.
Hier findest Du die Törnberichte aus dieser Zeit, die meistens von mir verfasst wurden.


Hallo Leute,

ich bin Patrick und habe 2011 meinen ersten Ostsee Segeltörn auf einem Windjammersegler gemacht. Das war sowas von g....., dass ich mich für dieses Jahr gleich für zwei Törns im August angemeldet habe.

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